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Weißbrot mit Margarine

Früher warst du mal gefährlich. Und so leichtsinnig: ein Streichholzträger, Feuerschlucker, Funkenschläger. Doch vielleicht war das erfunden. Und zusammengereimt. Die Poesie des Banalen, Midastrick für Anfänger und Scheinverliebte, die Behandlung widerspenstiger Puzzleteile mit Schere und Kleber. Vielleicht hast du nur geschunden: dich und vermutlich auch den Eindruck, den du hinterlassen hast, von Anfang an, die großen Töne wie beim Kirschkernspucken, ich weiß auch nicht: war ein seltener Ausdruck, machte Eindruck. Dadurch diese Ansteckungsgefahr. Man will ja keinen Lutscher, man will die Axt im Wald der Welt, den Mann, der seinen Weg und eine Lichtung für sich und die Seinen schlägt. Dachte ich jedenfalls.

Und jetzt sitz ich mir im nächtlichen Einerlei meinen Schädel platt und schau auf Straßen und erwarte nicht mehr wirklich vehement deine wieder mal versäumte Wiederkehr. Wo du wieder bist, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht im Wald, nur auf irgendeinem Weg, der nicht deinen Namen trägt. Von wegen Lichtung. Vielleicht auf irgendeiner altbekannten und mit Phrasen gratinierten Straße, die sich nur Bewohner und die Taxifahrer merken. Weil’s dort keine Sehenswürdigkeiten gibt, nur den Beton und blassweiße Straßenmarkierungen, ja, blass bist du geworden: noch zu sehen, aber drumherum ists reicher an Kontrast und bunter, von würdig will ich gar nicht sprechen; doch von Farbe – und dem Fehlen: um diesen Schatten, wo mal Bild und Rahmen hingen, steht wie eh und je dieselbe weiße Wand mit denselben zwei drei Schrammen, die vom Vögeln, Umbau und der Nacht mit zu viel Tiefkühlpizza und zu wenig Musketieren künden. Ja, war schon nicht schlecht, aber im Alter bleibts ne Anekdote, wenn man nicht schon längst oder noch immer in der Watte liegt und nichts mehr weiß, in allem ausgekühlt, der Pizzaofen aus, adé. Da würd ich gern was Besseres sagen als „nicht schlecht“.

Für was gäbst du einen kleinen Finger, hast du mal gefragt. Dumme Frage, ich mag Finger. Ohne Finger kein Klavierspiel, Kuppentanz auf Hautpartien oder Händehalten. Mir fiel aber auch wenig ein: Man ist so voll mit all den vorgelebten Abziehbildern aller Anderen, die genauso wenig wissen, was das soll und was sie tun, egal – aber nicht das. Nicht für andrer Leute Augen. Wenn, dann ja für unsere. Doch unsere, naja. Die Sehenswürdigkeiten fehlen. Wir gehen in letzter Zeit in allem dran vorbei. Naja, die letzte Zeit, wie lange ist das schon? Nicht jede Zeit muss ja die letzte sein.

Und schlimm ist alles nicht. Wir haben ja die Wege bis hierher, und uns und jenes Vielleichtbald, wir leben doch in liebevoll gepflegten Bahnen. Wie Petunien in pastellgrünen Töpfen unter einer milden Sonne. Wir leben ja zusammen. Kostet wenig und die Hoffnung wohnt ja eh umsonst. Wir haben auch ein Dach als Kopfbedeckung und den Balkon zum Ausschau halten. Und wenn mal wieder Sonntag ist, dann hängt man draußen Wäsche auf und schaut nach Menschen und geht rein. Nein, schon gut. Nein, nein. Mir müssen keinen Hunger leiden. Wir haben ja zu essen, auch wenn’s nur Weißbrot ist, mit Margarine und ein wenig Marmelade. Früher hat das ja gereicht, also warum sollte das nun heute anders sein. Ich werde einfach warten. Guck auf diese Straßen, seh zur Schrammenwand und lese so nen Poproman von irgendwas, das ich später gut vergessen kann: Natürlich gleichen sich Geschichten. Sind ja stets Gefühle, immergleiche. Und warum denn nicht? Denn das besänftigt eben doch: das Wiedererkennen im Gewohnten, dies Einnicken ins Seit-je-Bekannte: ja, das ging mir auch schon so, genau, das hab ich auch gefühlt, achja, der Text, der spricht mir aus der sogenannten Seele – und verstanden wird und gibt man Ruhe: Wenn das Fühlen wie ein Wohnen ist, im Eigenheim, wo eine Heizung automatisch ist und ein glänzendvoller Kühlschrank wartet, am Ende gar mit Ausblick vom Balkon auf eine Lichtung mit ein wenig grüner Farbe auf Beton. Ja, warum denn nicht was lesen und vertrauen und mal warten. Nicht jedes Warten klebt die Köpfe an die Knie. Man kann ja auch gedanklich Fahrrad fahren oder in den guten alten Zeiten nach denkbar schönen Bildern angeln. Oder all die nachtdurchlöchernden Laternen zählen und beobachten, was aus dem Schwarz unter ihren Lichtschein tritt. Dann lass uns eben Zeit.

Dann bist du endlich da und siehst so aus wie immer. Kommst ins Zimmer, Küsschen hier und Küsschen da, „der Chef“, „die Jungs“, „du weißt schon, tut mir Leid“, und sagst mal wieder „nie wieder“. Dann bist du müde und im Bett. Da liegst du friedlich weggetreten unter den drei Schrammen an der Wand. Das würd mir fehlen, wenn ich ginge, dieser Blick auf dich, das ruhige Atmen und die nackte Brust mit den paar Haaren. Das würde fehlen. Weil du im Grunde hilflos bist, mitunter zärtlich, witzig, auch bemüht. Nicht jeder muss auch Worte finden. Und das Geld ist letztlich sowieso egal, auch wenn ich lange diese Hoffnung pflegte, dass wir bei dem Aus-dem-Fenster-Schmeißen keine leeren Hände haben. Doch früher warst du mal entschlossen, siehe Axt und siehe Wald, siehe dich und mich. Früher warst du mehr als das, was ist.

Früher spielte „Früher“ keine Rolle. Früher war das Ficken nicht ein Golfspiel bürgerlicher Schauspieler und die Rede von der Liebe nicht nur Larifari, nicht nur der einstudierte Redefluss eines ertappten Verkäufers, der im Grunde weiß: Ist’n Wagen und der bringt von A nach B, mal mehr, mal weniger, mitunter komfortabler, schneller, sicherer. Mit Radio und Mp3. Und Yeah und geil und wird gekauft. Doch zum guten Verkäufer fehlt dir das Gespür und die Fähigkeit für die totale Lüge: Als Verkäufer darfst du nicht nur die Objekte preisen. Die Lüge des Verkäufers schließt die ganze Welt mit ein, die solang zurechtgelogen wird, bis das zu Verkaufende auch in sie passt und nötig scheint und somit den Verkäufer erst ermöglicht und ermächtigt. Doch „die Welt ist diese Mühe eh nicht wert“ ist nicht genug und „wir kriegen das schon hin“ zu wenig. Früher waren wir notwendig. Heute sind wir nur zusammen. Doch was heißt „nur“. Andere wären ja froh, wenn sie wen hätten, auf den sie warten könnten. Und du meinst es gut, das weiß ich. Das Larifari deiner Liebe ist am Ende keine Lüge. Was weiß ich. Ich bin vielleicht nur müde. Vielleicht ist das nur Blinzeln der Gedanken. Jetzt seh ich wieder zu dir hin und wie es unter deinen Augenlidern zuckt, wie gehetzt du vielleicht grad im Albtraum bist. Und wie könnte man so einen Menschen denn verlassen, einen schlafenden und träumenden, einen albträumenden Menschen?

Lang sind diese Nächte der Betrachtung und die Träume schon vergessen, wenn der Alltagswecker dröhnt. Dann wachst du auf und schlurfst ins Badezimmer, duscht und lässt dir in der Zwischenzeit den Kaffee machen. Dann sitz ich kurz mit einer Tasse an dem Fenster zum Balkon und guck hinaus und warte. Und seh über den Tassenrand in unser Zimmer, an den Wänden und den Schrammen runter und mustere den Eckenstaub, der trotz des Windes, der durch die offenen Fenster fegt, immer in der Ecke bleibt.

Dann sitzen wir mit Weißbrot, reichlich Margarine und ein wenig Marmelade so am Tisch, den wir vor Jahren als geklaut bezeichnet haben. Junge Leute lieben das: den Anschein milder Kriminalität als Ausdruck ihrer gegenseitigen Entfesselung vom kleinbürgerlichen Zwangskorsett, ja wirklich, vielleicht ja nicht gerade jede, doch unsere Liebe sprengt die Ketten, unsere Liebe setzt uns frei. Ja, das glaubten wir, aber ich will nicht sagen: ‚Früher‘. Was Liebe vermag, ist doch wohl immer Glaubenssache. Im Gegensatz zum ‚Früher‘, das bei weitem nicht so vage ist, eher fersenklebrig und real: Seit Jahren dezimiert die Zeit unsere Ausreden. Und übrig bleibt am Ende vielleicht wieder nur: „warum denn nicht?“ Leben kann nicht immer Jubilieren sein. Und jeder beugt sich irgendwann dem Wohnen, ob in Häusern, Menschen oder dem Verhalten. Ich hab mich auch daran gewöhnt, wie du dein Weißbrot isst, und weiß, wie du die Margarine schmierst. Dem kann man etwas abgewinnen, wenn man will. Vielleicht muss es ja nicht immer dieses Darum! mit Trompeten sein. Damit soll man sich nur nicht belügen. Wenn ich wirklich überhaupt nicht glücklich wäre, wäre ich ja längst gegangen. Ja, vermutlich wär ich längst gegangen.

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