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sozialer stuhlgang5

Der Stuhl in der ersten Reihe blieb leer. Dabei hatte man ihm gesagt, es sei kein Platz mehr. Ausverkauft, schon seit langem. Und außerdem: Was wolle er denn überhaupt hier? Was bilde er sich eigentlich ein? Unglaublich! Glaube er wirklich, ein verkrachter Nichtsnutz wie er könne einfach so daherkommen und erhielte noch Zutritt? Und dann noch in diesem Anzug! Fürwahr, welch vermessener Gedanke, begann auch Jonathan sich zu sagen, als man seinen großen Traum mit einem „Geh nach Haus!“ zerstob. Der Hieb konnte schwerer kaum sein. Seit langem wollte er das Stück sehen, ja eigentlich schon solang er denken konnte. Niemand war mit dem Stoff so vertraut wie er, niemand wusste es so zu schätzen. Alles kannte er auswendig. Dabei hätte er nie zu träumen gewagt, dass es käme: in seine Stadt, nur ein paar Straßen weiter. Und nun! Nun war er da, der große Moment, zum Greifen nahe. Einmal dabei sein, sei es auch nur auf den billigen Plätzen. Es nur einmal selbst erleben, sei es auch nur von fern. Dann könne er glücklich sterben, so hatte Jonathan immer gesagt. Doch aus der Traum! Das Vergnügen wurde nun anderen zuteil. Rang und Namen nahmen sich den vordersten Rang, wie es sich ziemt. Galant wurden die feinstverzwirnten Damen in den Saal geführt. Der Direktor war auch schon da und hatte neben dem Senator und dem Präsidenten Platz genommen. Exzellenzen und Prominenzen, Magnifizenzen und Eminenzen soweit das Auge reichte. Allein, sie waren nicht hier, um ein Stück zu sehen. Nein, sie waren hier, um gesehen zu werden: ein nimmersatter Senator auf Stimmenfang, ein prahlbäuchiger Präsident, der das Kameraspiel dem Kammerspiel vorzog, ein Direktor, der seinen Prestigedurst zum tausendsten Male uraufführte. Welche Rolle spielte da schon das Stück, das sie schon in Mailand, Madrid und auch New York schon erlebt hatten. Immerhin war der Wein gut, da waren sich alle einig – außer Jonathan, dem nicht nur das Stück, sondern auch der Wein verwehrt blieb. Doch heute Abend stand auch er auf der Bühne, heute Abend waren die Rollen nur gespielt. Ein bravouröses Stück, so hörte man es bereits während der Pause. Selten wurde gesellschaftliche Ungerechtigkeit so brachial auf die Bühne gebracht, selten war ein Stück anklagender. Am Ausgang wurde für kulturell Benachteiligte gesammelt und die fulminante Darbietung versprach einen frohen Spendenmut. Ein wenig stolz war daher der falsche Jonathan, als er sich mit dem falschen Direktor, dem falschen Senator und dem falschen Präsidenten in den Armen lag und vor dem Publikum verbeugte. Und als das Licht wieder anging, da sah er: Der Stuhl in der ersten Reihe, er war leer.